0170 15 44 526
Montag - Freitag: 9:00 - 17:00

Begutachtungstermin MDK

Der etwas andere Begutachtungstermin

Die Szene: Ein gemütliches Einfamilienhaus in einer ruhigen Wohngegend. Der Anlass: Eine Begutachtung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK), um den Pflegebedarf der 84-jährigen Frau Meier festzustellen. Die Ausgangslage: Ihre Tochter hatte den Antrag gestellt, weil sie der Meinung war, dass ihre Mutter langsam Unterstützung im Alltag benötigen könnte. Doch was dann geschah, hätte niemand erwartet.

Pünktlich um 10 Uhr klingelte es an der Tür. Der Gutachter, ein freundlicher Herr mittleren Alters mit Klemmbrett und ernstem Gesichtsausdruck, wurde von Frau Meier höchstpersönlich begrüßt. Sie öffnete die Tür mit einem Schwung, der einen Tornado vor Neid erblassen lassen würde, und strahlte ihn an, als wäre er ihr lang verloren gegangener Enkel.
„Ah, Sie sind der Herr vom MDK! Kommen Sie rein, kommen Sie rein!“, rief sie enthusiastisch. Der Gutachter, leicht irritiert, trat ein und wurde sofort von der blitzblanken Wohnung überwältigt. Es roch nach frisch gebackenem Kuchen und die Sonne schien durch die penibel geputzten Fenster.

Frau Meier ließ ihn keine Sekunde aus den Augen. „Setzen Sie sich doch, ich habe gerade Apfelkuchen gebacken. Möchten Sie ein Stück?“ Bevor er antworten konnte, hatte sie ihm bereits ein Stück aufgetischt und dazu einen Kaffee serviert, der besser schmeckte als in jedem Café in der Stadt.

Während der Gutachter noch an seinem Kuchen knabberte, begann Frau Meier ihre Demonstration. „Wissen Sie, ich kann noch alles selbst machen!“, verkündete sie und legte sofort los. In einem Tempo, das Usain Bolt blass aussehen lassen würde, fegte sie durch die Wohnung. Sie zeigte, wie sie Staub wischte, den Boden schrubbte und die Wäsche zusammenlegte. Der Gutachter konnte kaum folgen.
„Und jetzt zeigen ich Ihnen, wie ich mein tägliches Fitnessprogramm absolviere“, sagte sie und sprang in ihre Trainingskleidung. Vor den erstaunten Augen des Begutachters absolvierte sie eine Serie von Kniebeugen, Liegestützen und sogar einen Kopfstand. Als sie schließlich auf den Händen durch das Wohnzimmer lief, hatte der Mann Mühe, nicht vom Stuhl zu fallen.

Nach dieser beeindruckenden Performance setzte sich Frau Meier wieder, nahm einen Schluck Kaffee und lächelte ihren Gast an. „Und, was sagen Sie jetzt? Meinen Sie wirklich, ich brauche Hilfe?“

Der Gutachter, sichtlich überfordert und zugleich amüsiert, räusperte sich. „Nun, Frau Meier, das war… beeindruckend. Ich glaube, ich habe alles gesehen, was ich sehen musste.“

Er verließ das Haus mit einem verwirrten Lächeln.

Frau Meier winkte ihm noch freundlich hinterher und schloss die Tür. Als sie sicher war, dass der Gutachter außer Sichtweite war, ließ sie sich erschöpft auf das Sofa sinken. Der Atem ging schwer, und sie massierte sich vorsichtig die schmerzenden Knie.
Ihre Tochter kam herein und sah die Erschöpfung in den Augen ihrer Mutter. „Mama, du solltest dich nicht so verausgaben. Warum hast du das gemacht?“

Frau Meier seufzte tief und lächelte schwach. „Ich wollte nur zeigen, dass ich noch stark bin. Aber du hast recht, es war vielleicht ein bisschen zu viel.“

„Wir wissen beide, dass du Hilfe brauchst. Es ist keine Schande, Unterstützung anzunehmen,“ sagte ihre Tochter sanft und setzte sich neben sie.

Frau Meier nickte langsam. „Ich weiß. Ich wollte nur, dass der Gutachter sieht, dass ich nicht aufgegeben habe. Aber jetzt brauche ich wirklich eine Pause.“

Eine Woche später kam der Bescheid vom MDK: „0 Punkte bei der Begutachtung. Kein Pflegegrad.“ Frau Meier und ihre Tochter saßen fassungslos am Küchentisch und starrten auf den Brief. „Das kann doch nicht wahr sein“, sagte die Tochter. „Du brauchst doch wirklich Hilfe.“
Frau Meier seufzte tief. „Ich wollte nur zeigen, dass ich noch stark bin. Aber das war wohl nicht die beste Idee.
Viele ältere Menschen präsentieren sich bei der Begutachtung besser als es ihnen in Wirklichkeit geht. Sie wollen ihre Unabhängigkeit beweisen und zeigen, dass sie noch stark sind, auch wenn sie im Alltag oft an ihre Grenzen stoßen. Frau Meier hat uns allen bewiesen, dass man nie zu alt ist, um zu überraschen, doch ihre Bemühungen sollten nicht den Blick auf ihre wirklichen Bedürfnisse verstellen.